Schule

Wenn Eltern zu sehr nachhelfen ...

KF · 04.08.2019

Wir leben in der besten aller Welten, ganz offenbar, wenn man so von oben drauf schaut. Denn hier unten, in den Niederungen der Städte und Dörfer, da, wo Millionen Kinder jeden Morgen das tun, was Millionen Kinder jeden Morgen seit hundert Jahren tun – aufstehen, frühstücken, zur Schule gehen, nachmittags Hausaufgaben erledigen (oder auch nicht ...) –, hier unten ist das größte Problem für uns Eltern nicht der Klimawandel, nicht das Sterben des Mittelmeers. Nein, hier ist unser größtes Problem: Wir bekommen Panik, wenn das Kind in der Schule abrutscht. Ist die Versetzung gefährdet, setzen die meisten auf Unterstützung eines schulischen Parallel-Universums: Die Nachhilfe. Etwa 900 Millionen Euro werden in Deutschland jedes Jahr für Nachhilfe ausgegeben. Rund 1,2 Millionen Schüler im Alter zwischen sechs und 16 Jahren  bekommen Nachhilfeunterricht, hat 2016 eine Elternbefragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergeben. Meine drei Söhne gehören dazu. Ich habe zwar ein Hochschul-Diplom in der Tasche, hatte aber große Probleme mich in diverse mathematische Gleichungen von drei unterschiedlichen Klassenniveaus einzuarbeiten (und ich gestehe … auch keine Lust). Um die nachmittäglichen Grabenkämpfe rund um die Schulhefte abzukürzen,  entschied ich: Der Nachwuchs braucht Nachhilfe. Dabei hatte ich die Rechnung ohne meine Jungs gemacht. Kurz bevor der freundliche Mathematik-Student an der Haustür klingelte, war mein Ältester mal eben durch das Wohnzimmerfenster abgehauen. Ok, der Sprung war harmlos, denn es war Erdgeschoss. Aber ich werde nie meinen Blick in das gegenüber liegende Haus- und Kinderzimmerfenster
der Klassenkameradin meines Sohnes vergessen. Dort saß eine eifrige 14-Jährige über ein Heft gebeugt und erledigte völlig selbstständig ihre Hausaufgaben. Einfach so. Wie es sein sollte. Ein gutes Beispiel, dass jedes Kind unterschiedlich ist.
Manche haben ein gewisses Maß an Eigenverantwortung, manche nicht. Manchen hilft Nachhilfe sehr gut, manchen nicht. Leider blieben meine Nachhilfe-Angebote erfolglos. Weder örtliche Lerninstitute, diverse Online-Kurse, zusätzliches Lernmaterial, YouTube-Videos mit fröhlichen Mathe-Rappern führten zu besseren schulischen Leistungen. Interessant ist, dass das telefonische Vokabel-Abfragen der Oma bei meinem Jüngsten einigermaßen funktioniert hat. Lag es an der großmütterlichen Zuwendung? Der Mittlere bekam den gleichen Oma-Service und es änderte sich nichts an der Note. Das lag wohl daran, dass er meistens sein Handy oder sein aufgeklapptes Englisch-Buch mit den Lösungen neben dem Hörer liegen hatte ... Also try and error. Einatmen-ausatmen. Apropos ... in England gibt es jetzt ein neues Pflichtfach in der Schule: Achtsamkeit. Dort bekommen die Schüler Anleitungen zur besseren Bewältigung von Stress-Situationen und lernen spielerisch, wie das Gehirn funktioniert. Warum man sich manche Dinge gut und andere Dinge weniger gut merken kann. Das wäre auch in Deutschland ein guter Ansatz. Und wir Eltern könnten gleich etwas mehr Gelassenheit mit üben. Auch ich mache Fortschritte. Als mir neulich eine Mutter verschwörerisch die Telefonnummer eines pensionierten Lehrers weitergab, der als absoluter Nachhilfe-Geheimtipp und Erfolgsgarant gilt – leider nur noch sehr wenige Termine frei hat, obwohl er 60 Euro die Stunde nimmt – da habe ich dankend abgelehnt.

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