Erziehung

"Die Kinder von heute sind Tyrannen"

TH · 09.10.2017

„Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer“, das äußerte bereits  Sokrates (470-399 v.Chr.) „Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität.“ Früher wie heute versuchen Eltern und Pädagogen mit verschiedenen Erziehungsstilen auf das Verhalten von Kindern zu reagieren. In der Antike war Erziehung und Bildung den oberen Schichten vorbehalten. Erst der Erwachsene galt als vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft. Körperliche Züchtigung und Strafarbeiten waren übliche Mittel der Erziehung. Im Mittelalter ließ der Adel seine Kinder durch Hausdamen und Privatlehrer unterrichten. Die breite Masse der bäuerlichen Gesellschaft brauchte Kinder als Arbeitskräfte, um die Ernährung der Familie zu sichern. Das Kind als Individuum war unter anderem aufgrund der hohen Kindersterblichkeit von nachrangiger Bedeutung. Kleinen Kindern wurde kaum Aufmerksamkeit gewidmet, sie liefen im Arbeitsalltag mit. Erst in der Renaissance gab es neben kirchlichen, auch sogenannte Bürgerschulen. Sie vermittelten die für den Handel notwendigen Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen. Für die breite Masse blieben nur privat organisierte Schulen. Im Zeitalter der Reformation prägen die Konfessionen unterschiedliche Erziehungstile. Der Protestantismus legte Wert auf Disziplin und Selbstbeherrschung. Erst mit der Aufklärung Mitte des 17. Jahrhunderts verlor die Kirche an Einfluss und die Wissenschaft gewann an Bedeutung. Der englische Philosoph John Locke definierte das Kind bei seiner Geburt als leeres Blatt, das erst durch seine Erziehung beschrieben werde. Weiterhin bedeutet Erziehung Zucht und Ordnung, Befehl und Gehorsam. Der Rohrstock war ein gängiges Erziehungsinstrument. Gewünscht waren gottes- und obrigkeitsfürchtige Menschen. Erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah man die Kindheit als eigenen Lebensabschnitt an. Kinder wurden nicht mehr als „kleine“ Erwachsene behandelt. Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi förderte die ganzheitliche Entwicklung des Kindes. Er galt als Wegbereiter der Reformpädagogik, wie auch Maria Montessori. Das Kind wurde als Individuum begriffen, zu eigenem Denken und kreativem Handeln angeregt. Einen gewaltigen Rückschritt gab es in der Zeit des Nationalsozialismus: Von Kindern wurde absoluter Gehorsam verlangt, eigenständiges Denken und Handeln waren unerwünscht. Es wurde eine ganze Generation von Kindern für den Kriegseinsatz erzogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kristallisierten sich in den beiden deutschen Staaten unterschiedliche Erziehungsstile heraus. Während in Westdeutschland Erziehung eine vorwiegend private beziehungsweise familiäre Aufgabe war, hatte in Ostdeutschland die öffentliche Erziehung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Öffentliche Erziehungsanstalten waren üblich und recht dominant. Das Verhältnis zum Kind entwickelte sich partnerschaftlich. Autoritäre Methoden wurden zugunsten eines Diskurses mit dem Kind aufgegeben. Die Rolle der berufstätigen Mutter prägte das Familienleben und veränderte das Rollenbild des Vaters. Väter begannen sich mit ihren Kinder zu beschäftigen und ihnen vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. In den 1960er Jahren wurden manche Kinder ganz antiautoritär erzogen, in der Phase der Antipädagokik der 1970er Jahr in der Entwicklung gar sich selbst überlassen. Ende des 20. Jahrhunderts wird die Auseinandersetzung mit Erziehung zunehmend differenzierter. Kindern möchte man die bestmöglichen Bedingungen bieten. Sie sollen emotionale, soziale Kompetenzen entwickeln. Inhalte und Werte sollen vermittelt werden. Erziehung heute plädiert für eine demokratische Bildung. Kinder sollen lernen frei zu denken, Entscheidungen zu treffen und sich auf ein gleichberechtigtes Zusammenleben mit allen einzustellen. Doch sind sich alle einig, dass Kinder auch Regeln und Grenzen brauchen.
 

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